Claudiusmatze
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Interpretation von Der Nachbar von Franz Kafka
Die Kurzgeschichte "Der Nachbar" von Franz Kafka handelt von einem jungen, anfangs selbstsicheren Geschäftsmann, der sich durch seinen neuen Nachbarn Harras bedroht fühlt.

Der Text lässt sich in fünf Abschnitte gliedern. Der erste Abschnitt (Z.1-9) beschäftigt sich mit dem Arbeitsumfeld des Ich-Erzählers und gibt Auskunft über den Charakter des Ich-Erzählers. Dieser ist erfolgreich (Z.1) und ihm fällt es auch nicht schwer sein Geschäft zu führen (Z.6). Möglicherweise hat er aber trotzdem Probleme. Denn durch die Begriffswiederholung: "Ich klage nicht, ich klage nicht.", wirkt es auf mich, als ob er Schwierigkeiten hat.
Im folgenden Abschnitt (Z.10-20) wird geschildert, warum der Ich-Erzähler die Nachbarwohnung nicht mieten möchte. Grund für die Unentschlossenheit des Ich-Erzählers ist, dass die Wohnung zwar "ein Zimmer mit Vorzimmer hat", genau wie seine eigene, aber er mit der dazu gehörigen Küche nichts anfangen kann (Z.14-18). Das ist möglicherweise ein Beweis dafür, dass er viel zu tun hat, nicht kochen kann oder möchte.
Im dritten Abschnitt (Z.21-33) möchte der Ich-Erzähler etwas über das Leben und die Tätigkeiten seines Nachbarn herausbekommen. Er geht jedoch nicht selber zu Harras und spricht mit ihm über sein Problem, sondern beauftragt jemanden, der für ihn Informationen über Harras herausfinden soll (Z.24). Dabei stellte sich heraus, dass dieser ein ebenso "junger und aufstrebender Mann" wie er selbst ist (Z.28).
Der vierte Abschnitt (Z.34-43) schildert den ersten Kontakt zwischen Harras und dem Ich-Erzähler. Der Ich-Erzähler fühlt sich in seinem Verdacht bestärkt, dass Harras irgendetwas im Schilde führt, da dieser es immer sehr eilig hat (Z.38-40). Er ist auch der Ansicht, dass Harras zu arrogant und desinteressiert ist, um mit ihm ein Wort zu wechseln (Z.40-43).
Im letzten Abschnitt (Z.44-83) steigert sich der Ich-Erzähler weiter in die Bedrohung durch den Nachbarn hinein. Es gibt gewisse Anzeichen, dass der Ich-Erzähler unter Verfolgungswahn leidet. Er fühlt sich von seinem Nachbarn Harras belauscht und hat Angst, dass dieser seine Kundengespräche für seine Karriere benutzt (Z.77-83). Dafür gibt es im Text jedoch keine Bestätigung. Der Ich-Erzähler befürchtet auch, dass Harras ihn übertrumpfen könnte. Das Verhalten des Ich-Erzählers zeigt, dass er doch nicht so selbstsicher ist, wie es am Anfang den Schein machte.

Die Geschichte wird aus der Perspektive des Ich-Erzählers berichtet. Die Handlung erscheint auf den ersten Blick einfach, was auch in der Sprache zum Ausdruck kommt. Der Text ist in Hochsprache mit einfach verknüpften Sätzen geschrieben. Damit kann der Leser den Text ohne intensive Beschäftigung leicht nachvollziehen. Der Autor verwendet viele Possessivpronomen und vergleicht Tätigkeiten von Personen mit charakteristischen Eigenarten von Tieren, z.B. "Wie der Schwanz einer Ratte ist er hineingeglitten..."(Z. 40).

Der Titel der "Nachbar" lässt auf das Zusammenleben zweier Personen in nächster Umgebung schließen. Diese Leseerwartung wird im Verlauf der Geschichte nur teilweise bestätigt, da das Nachbarschaftsverhältnis zwischen Harras und dem Ich-Erzähler sehr angespannt ist.

Die Handlung setzt mit einer kurzen Einführung in die Situation ein. Das Hauptmotiv, die Bedrohung des Ich-Erzählers durch Harras, die er sich von meiner Sicht nur einredet, zieht sich durch den ganzen Text. Die Kurzgeschichte beginnt unvermittelt. Am Ende bricht die Handlung abrupt ab und es wird, wie es für diese Textart typisch ist, dem Leser überlassen einen Schluss zu finden.

© 2004 Claudius Ortbandt (shel)

Dieser Text ist frei verwendbar.